Zwei Millionen Euro Defizit: Hildens teure Musikschule unter Druck

Die Stadt verteidigt das bestehende Angebot mit dem „Bildungsauftrag“

***Leitartikel***

Ende März hatte anzeiger24.de die Frage gestellt: Kann sich Hilden diese Musikschule noch leisten? Nun beschäftigt das hohe Defizit auch die Politik. Die CDU-Fraktion hatte der Verwaltung einen umfangreichen Fragenkatalog vorgelegt. Die inzwischen vorliegenden Antworten liefern zahlreiche Zahlen, sie entkräften die grundsätzliche Kritik an den hohen Kosten jedoch nicht.

Nach dem Haushaltsplan benötigt die Musikschule der Stadt Hilden 2026 einen Zuschuss von rund zwei Millionen Euro. Für 2027 wird sogar mit einem Defizit von 2,1 Millionen Euro gerechnet. Damit bleibt die Musikschule eine der teuersten freiwilligen Einrichtungen der Stadt.

 

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Fast 850.000 Euro für interne Leistungen

Ein erheblicher Teil der Kosten entsteht nicht unmittelbar durch den Musikunterricht. Für sogenannte interne Leistungsbeziehungen werden 2026 insgesamt 847.521 Euro angesetzt.

 

Davon entfallen:

  • 385.102 Euro auf Gebäudekosten
  • 352.906 Euro auf die Personalbetreuung
  • 51.282 Euro auf die EDV
  • knapp 58.000 Euro auf Versicherungen, Buchhaltung, Vollstreckung, Poststelle und weitere zentrale Dienste

 

Allein Gebäude und Personalverwaltung machen damit rund 87 Prozent der internen Verrechnungen aus. Bei den Gebäudekosten geht es um die Nutzung des „Alten Helmholtz“. Die Kosten der Personalbetreuung werden nach der Zahl der Vollzeitstellen auf die einzelnen Bereiche verteilt.

 

Diese Beträge sind zwar interne Verrechnungen und keine zusätzlichen Rechnungen, die von außen eingehen. Für die Beurteilung der tatsächlichen Kosten der Musikschule sind sie dennoch relevant. Schließlich müssen Gebäude, Personalverwaltung, IT und Buchhaltung von der Stadt finanziert werden.

 

Keine vollständige Kostenrechnung für einzelne Angebote

Die CDU wollte außerdem wissen, welche Kurse besonders hohe Verluste verursachen. Eine genaue Antwort kann die Verwaltung nicht geben! Nach eigenen Angaben führt die Musikschule keine Vollkostenrechnung für einzelne Unterrichtsangebote oder Unterrichtsformen.

Begründet wird dies mit dem pädagogischen Gesamtkonzept. Einzelunterricht, Gruppenangebote, Ensembles, Kooperationen und Veranstaltungen seien eng miteinander verbunden. Deshalb könnten Personal-, Gebäude- und Verwaltungskosten nicht verursachungsgerecht einzelnen Angeboten zugeordnet werden.

 

Das mag pädagogisch nachvollziehbar sein. Aus finanzieller Sicht bleibt jedoch ein Problem: Bei einem jährlichen Zuschussbedarf von rund zwei Millionen Euro lässt sich offenbar nicht genau feststellen, welche Angebote welche tatsächlichen Kosten verursachen. Damit fehlt zugleich eine wichtige Grundlage, um mögliche Einsparungen gezielt und sozial verträglich vorzunehmen.

 

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Viele Gebühren decken nicht einmal die Personalkosten

Immerhin hat die Verwaltung eine Modellrechnung vorgelegt. Darin werden die Gebühreneinnahmen den unmittelbaren Personalkosten der Lehrkräfte gegenübergestellt. Gebäude-, Verwaltungs- und sonstige Gemeinkosten sind dabei noch nicht berücksichtigt.

 

Das Ergebnis zeigt deutliche Finanzierungslücken:

  • 30 Minuten Einzelunterricht für Kinder und Jugendliche erreichen einen Deckungsgrad von 49,2 Prozent
  • 45 Minuten Einzelunterricht kommen auf 63,1 Prozent
  • Zweiergruppen erreichen je nach Dauer lediglich 51,8 bis 54 Prozent
  • Bei Erwachsenen liegt der Deckungsgrad wegen eines Gebührenaufschlags von 25 Prozent etwas höher
  • Kompaktkurse für Erwachsene decken rund 69,6 Prozent der unmittelbaren Personalkosten

Nur die elementare Musikerziehung erreicht in der Modellrechnung einen Deckungsgrad von mehr als 100 Prozent. Voraussetzung dafür ist allerdings eine durchschnittliche Gruppengröße von zwölf Kindern.

Nicht enthalten sind in diesen Berechnungen die erheblichen Kosten für Räume, Verwaltung und sonstige zentrale Leistungen. Die tatsächliche Kostendeckung dürfte deshalb bei fast allen Angeboten noch niedriger liegen.

 

Mehr als 2.200 Belegungen

Im Juli 2026 verzeichnete die Musikschule insgesamt 2.222 Belegungen. Das sind allerdings nicht zwingend 2.222 unterschiedliche Personen, da ein Schüler mehrere Angebote wahrnehmen kann.

 

Die größten Bereiche sind:

  • 425 Belegungen im 30-minütigen Einzelunterricht
  • 389 in der elementaren Musikerziehung
  • 282 in Ensembles
  • 650 im JeKits-Programm
  • 176 bei „Kita und Musikschule“

Insgesamt werden 201 Belegungen Erwachsenen zugerechnet. Der weit überwiegende Teil des Angebots richtet sich somit an Kinder und Jugendliche.

 

Festanstellungen lassen JeKits-Kosten steigen

Gestiegen ist der städtische Finanzierungsanteil am JeKits-Programm. Der Landeszuschuss wurde nach Angaben der Verwaltung nicht gekürzt. Verteuert habe sich das Angebot vielmehr durch höhere Personalkosten.

 

Bis zum Schuljahr 2023/2024 wurde ein Teil des Unterrichts von Honorarkräften erteilt. Nach der sogenannten Herrenberg-Entscheidung des Bundessozialgerichts musste die Stadt zum Schuljahr 2024/2025 auf sozialversicherungspflichtige und tariflich bezahlte Lehrkräfte umstellen. Seitdem wird JeKits ausschließlich von Beschäftigten nach TVöD durchgeführt.

Die Umstellung ist arbeits- und sozialrechtlich nachvollziehbar. Sie zeigt aber zugleich, wie stark die Personalstruktur die Kosten der Musikschule beeinflusst.

 

Fördermittel ändern am Defizit wenig

Die Musikschule erhält verschiedene Zuschüsse. Dazu gehören jährlich:

  • 46.312 Euro aus der Musikschuloffensive des Landes
  • rund 19.900 Euro für die Ensemblearbeit
  • zuletzt rund 145.100 Euro für JeKits
  • kleinere projektbezogene Förderungen

Hinzu kommen jährlich etwa 20.000 bis 25.000 Euro vom Förderverein. Trotz dieser Unterstützung verbleibt bei der Stadt ein Zuschussbedarf von rund zwei Millionen Euro.

 

Der Vergleich mit Langenfeld bleibt unbeantwortet

Die Verwaltung hebt mehrfach den Bildungsauftrag und das pädagogische Gesamtkonzept hervor. Beides stellt niemand infrage. Die entscheidende finanzpolitische Frage lautet jedoch nicht, ob musikalische Bildung wichtig ist, sondern warum sie in Hilden so viel teurer sein muss als in einer vergleichbaren Nachbarstadt.

Langenfeld kommt bei ähnlicher Einwohnerzahl mit einem Zuschuss von ungefähr einer Million Euro aus, also etwa der Hälfte des Hildener Betrags. Auch dort gibt es eine kommunale Musikschule und qualifizierten Unterricht.

 

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Gerade dieser Vergleich wird in der Verwaltungsantwort nicht aufgearbeitet. Es fehlen Angaben dazu, worin sich Personalstruktur, Unterrichtsangebot, Gebäudekosten, Gebühren und Organisation beider Musikschulen konkret unterscheiden. Damit bleibt die zentrale Frage aus unserem Beitrag vom März weiterhin offen.

 

Bildungsauftrag darf kein Freibrief sein

Die Musikschule leistet zweifellos wertvolle Arbeit. Ein Bildungsauftrag kann jedoch kein Freibrief dafür sein, Strukturen grundsätzlich von einer Wirtschaftlichkeitsprüfung auszunehmen.

 

Wenn Hilden jährlich zwei Millionen Euro zuschießen muss und gleichzeitig keine vollständige Kostenrechnung für die einzelnen Angebote vorliegt, reicht der pauschale Hinweis auf das Gesamtkonzept nicht aus. Zumal die Stadt unter erheblichem finanziellen Druck steht und auch in anderen Bereichen sparen muss.

 

Notwendig wäre deshalb ein transparenter Vergleich mit anderen kommunalen Musikschulen. Erst dann lässt sich beurteilen, welche Kosten unvermeidbar sind und an welchen Stellen Hilden möglicherweise eine besonders aufwendige Struktur finanziert.

 

Die neuen Antworten liefern viele Erklärungen. Den Nachweis, dass die Musikschule in ihrer heutigen Form tatsächlich alternativlos organisiert ist, liefern sie nicht.

 

Bericht: LT

Archivfoto: anzeiger24.de

 

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