Stolperstein für Leo Meyer: Opfer des Nationalsozialismus – nach dem Krieg keine Gerechtigkeit

In der NS-Zeit verfolgt – Streit um Wiedergutmachung – verarmt und krank gestorben

Er wurde nicht in der NS-Zeit ermordet, sondern starb in der Nachkriegszeit. In seinem Fall aber waren sich der „Arbeitskreis Stolpersteine“ und die Stadt Hilden einig, dass man starre Konventionen auch mal brechen kann und den jüdischen Bürger Leo Meyer und seine bislang verborgene Geschichte mit einem Stolperstein würdigen sollte.

Vor dem ehemaligen Wohnhaus seines Vaters Nathan Meyer, Gerresheimer Straße 189, wurde sein Gedenkstein am Mittwoch, 27. September 2023, hinzugefügt.

 

1949 veröffentlichte Leo Meyer seine „Pogromberichte“. Im Stadtarchiv Hilden sind außerdem rund 200 Briefe aus der Zeit zwischen 1938 und 1953 hinterlegt. Die Dokumente schildern die menschenverachtenden Gräueltaten während der Herrschaft des Nationalsozialismus und die Auseinandersetzungen mit den Behörden in der Nachkriegszeit.

Mitte August wurde bereits an der Reformationskirche eine Gedenkstele für Leo Meyer eingeweiht – nach einem Bürgerantrag von Theresa Neuhaus.
 

Die Geschichte des Leo Meyer

Die Stadt Hilden und Therese Neuhaus beschreiben seine Lebensgeschichte:

Leo Meyer (geboren 1891) absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und wurde unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit seinem jüngeren Bruder Josef eingezogen.
Josef fiel am 19. Mai 1916 im Alter von 22 Jahren in einer der vielen Schlachten in Flandern. Ende 1917 wurde Leo Meyer im besetzten Belgien Ortskommandant der Feldgendarmerie in Oostmalle.

 

Deutsche Besatzung in Belgien: Leo Meyer spendete für hungernde Menschen

Die Bevölkerung in dem belgischen Dorf litt unter der deutschen Besatzung. Um den hungernden Menschen zu helfen, bat Leo Meyer seinen Vater ihm Geld zu schicken. Was kam, war die beträchtliche Summe von 5.000 Goldmark, was heute über 30.000 Euro entspricht. Das Geld übergab er der französischen Oberin des Klosters Maria Stella, für die Leo Meyer zu jemanden wurde, der Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft bewiesen hatte.

 

Nach Kriegsende machte sich Leo Meyer in Hilden als Viehhändler selbständig und baute einen Handel für Getreide- und Futtermittel auf. 1930 verlegte er sein Geschäft nach Düsseldorf. Mit dem Beginn der Nazi-Zeit erlebte Leo Meyer als Folge der Boykottierung durch die neuen Machthaber einen kontinuierlichen Rückgang seines Geschäftes und musste Anfang 1938 schließen. Aus finanziellen Gründen zog die Familie zurück nach Hilden.

 

Während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 entging Leo Meyer nur knapp der Tötung, sein Vater Nathan wurde auf brutalste Weise erschlagen. 

 

Flüchtling im Zweiten Weltkrieg – verhaftet und deportiert

1939 konnte Leo Meyer nach mehreren Versuchen nach Oostmalle fliehen. Die Nonnen erkannten den einstigen deutschen Ortskommandanten und nahmen ihn als Flüchtling auf.

Beim „Westfeldzug“ von 1940 wurden in Belgien massenweise „Verdächtige“ verhaftet. Darunter war auch Leo Meyer. Er wurde in das südfranzösische Internierungslager Gurs deponiert. Die Oberin des Klosters in Oostmalle bewirkte eine befristete Beurlaubung Leo Meyers und die Unterbringung bei ihrem Bruder Joseph. Leo Meyer blieb dort auch nach Ablauf seines „Genesungsurlaubs“ mit stillschweigender Duldung des Bürgermeisters. Er überlebte, seine Schwester, deren Mann und ihre Tochter sowie Leo Meyers Frau und Tochter starben jedoch in Vernichtungslagern.

 

Rückkehr nach dem Krieg – aber keine Wiedergutmachung

Am 19. April 1949 kehrte Meyer – als einziger Hildener Jude – mittellos in seine Heimstadt zurück: Krank und von der Schreckensherrschaft gezeichnet, ein Mahnmal auf zwei Beinen.

 

Leo-Meyer-Stele

Leo-Meyer-Gedenkstele an der Reformationskirche; erstellt vom  Hildener Bildhauer Christian Lüttgen; eingeweiht im August 2023

 

Doch auf eine „Wiedergutmachung“ konnte er nicht zählen, im Gegenteil: Der freigesprochene Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele hatte sich den Meyerschen Grundbesitz einverleibt.

Als der Richter bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung einen Vergleich vorschlug, erlitt er im Gerichtssaal einen Schlaganfall und verstarb am 22. Juli 1953 in der Heil- und Pflegeanstalt in Düsseldorf-Grafenberg.

 

So wurde Leo Meyer erneut zum Opfer. Und nun, 70 Jahre später, wird an dieses weitere Beispiel für das Schreckensregime erinnert – gegen das Vergessen.

 

Quelle: Stadt Hilden / Arbeitskreis Stolpersteine
Foto: anzeiger24.de